Reiz und Risiko einer Filmreihe bestehen aus Sicht des Drehbuchautors darin, seine Figuren einerseits ständig weiterentwickeln zu können, ihnen aber andererseits treu bleiben zu müssen, um den Erwartungen des Publikums gerecht zu werden; kein Zuschauer will, dass aus seinem Liebling plötzlich ein Schurke wird. Damit ist bei „Reiff für die Insel“ ohnehin nicht zu rechnen. Trotzdem wäre es nicht schlecht, wenn etwas Bewegung ins Beziehungsgeflecht käme, denn derzeit scheint zumindest der romantische Erzählstrang ein bisschen festgefahren. Im fünften Film der Reihe nutzt Marcus Hertneck das gleiche Muster wie bei „Katharina und die Dänen“: Weil die Beziehung zwischen Katharina (Tanja Wedhorn) und ihrem Freund Thies (Jan-Gregor Kremp) auf der Stelle tritt, sorgt ein Inselbesucher für erotische Verwirrungen. Der Rahmen allerdings ist interessant, originell und amüsant, zumal Hertneck seine Figuren, die er auch diesmal immer wieder mit vielen witzigen Situationen konfrontiert, ausnahmslos mit großer Zuneigung entwirft; die Dialoge sind ohnehin ein Genuss.
Diesmal ist es ein Archäologe, der dafür sorgt, dass die vor einigen Jahren von Berlin nach Föhr zurückgekehrte Anwaltsgehilfin ihrem Thies beinahe untreu wird. Zuvor jedoch sorgt Hertneck für gleich zwei Einführungen, die die Geschichte mit unterschiedlichen Vorzeichen versehen: Dank eines fulminanten Wurfs von Thies gewinnen die Einheimischen das Boßeln, einen offenbar uralten sportlichen Kugelwettkampf. Katharina mag die allseits gute Stimmung nicht teilen, denn es stinkt ihr gewaltig, dass die Mitbürger ihre juristischen Kenntnisse ständig für kleine Betrügereien missbrauchen wollen; außerdem fühlt sie sich einsam, zumal Tochter Nele ihrem Freund nach Island folgen will. Deshalb kommt Jens Jeschen (Mommsen) gerade recht: Der Experte für Frühgeschichte ist überzeugt, dass Thies’ Boßelkugel in Wirklichkeit ein frühmittelalterlicher Himmelsglobus ist, der aus einem Wikingerraubzug stammt. Der Archäologe glaubt, dass ein berüchtigter Plünderer mitsamt seinem Schatz auf Föhr bestattet worden ist. Prompt werden die Einheimischen hellhörig und fangen an zu buddeln; Katharina sitzt wieder mal zwischen den Stühlen, denn Jeschen ist ihr mehr als bloß sympathisch.
Foto: Degeto / Gordon Muehle
Hertneck hat die im Grunde überschaubare Geschichte durch eine Vielzahl von Nebenplots bereichert; eine kleine, aber dramaturgisch wichtige Rolle spielt beispielsweise Thies’ Sohn, der auf dem Festland bei seiner Mutter lebt und ausgerissen ist. Außerdem sorgen diverse mal emotionale, mal handfeste Scharmützel dafür, dass ständig etwas los ist: Mal gehen sich die Insulaner gegenseitig an den Kragen, mal macht Thies dem Archäologen sehr handgreiflich deutlich, dass er keineswegs gewillt ist, seine Boßelkugel zwecks intensiver Untersuchung aus der Hand zu geben. Dabei verliert der Wissenschaftler erst das Bewusstsein und dann sein Gedächtnis, sodass sich Katharina seiner annimmt; auch darin ähnelt die Handlung den letzten Filmen. Sehr hübsch sind indes die authentisch klingenden archäologischen Monologe Mommsens. Und wenn sich Jeschen und Katharina auf die Suche nach „regelhaften Merkwürdigkeiten“ machen und den Spuren einer Wanderdüne namens Henrike folgen, weht sogar ein Hauch von Abenteuer durch „Katharina und der große Schatz“.
Angesichts der vielen sympathisch skurrilen Figuren fällt allein Jeschens Chefin (Susanne Wuest) völlig aus dem Rahmen. Ihr Erscheinungsbild ist ein fast überdeutlicher Hinweis darauf, dass hier womöglich doch nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Außerdem kommen die Museumsleiterin und ihre zwielichtigen Mitarbeiter mit einem dunklen Transporter auf die Insel, das war schon in „Katharina und der Schäfer“ Vorbote düsterer Ereignisse. Davon abgesehen hat Regisseur Anno Saul seine Schauspieler auch diesmal wieder zu einer schönen Ensembleleistung geführt, die spätwinterlich windzerzausten Inselbilder sind vortrefflich (Kamera: Moritz Anton), und die muntere Musik von Fabian Römer erfreut durch melancholische Passagen im Stil Ry Cooders. (Text-Stand: 21.9.2015)